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GfP-Jahres-Kongreß  25. – 27. August 2017

Deutsche Identität – 500 Jahre nach Luther

 

Vor 500 Jahren schlug Martin Luther am Vorabend vor Allerheiligen seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg, mit denen er insbesondere gegen den geschäftsmäßigen Handel mit Ablaßbriefen protestieren wollte. Aus diesem Akt des Ungehorsams entwickelte sich die größte politische und kulturelle Umwälzung, die Deutschland wohl in seiner gesamten Geschichte erlebt hat, nämlich die Reformation. Mit seiner Bibelübersetzung prägte der aufsässige Mönch aber auch in einer ganz wesentlichen Art und Weise die deutsche Sprache. Er war einer der ersten, der an nationale Gefühle appellierte und der die Deutschen als Volk insgesamt ansprach. Die ›Gesellschaft für freie Publizistik‹ nahm den 500. Jahrestag des Thesenanschlags nun zum Anlaß, um unter dem Motto »Deutsche Identität – 500 Jahre nach Luther« über die Bedeutung des lutheranischen Erbes für unsere Gegenwart nachzudenken.


Dr. Björn Clemens klein_clemens2
Christentum als deutscher Identitätsgrund

Als erster Referent ging der Düsseldorfer Rechtsanwalt Dr. Björn Clemens der Frage nach der Identität nach, die für die Deutschen eng mit dem Wirken Luthers verknüpft ist, denn ein nationales Selbstverständnis entwickelte sich hier zu Lande nicht zuletzt auch im Widerstand gegen Rom. Eine kollektive Identität, so Clemens, könne sich auf der staatlichen, der kulturellen und der historischen Ebene äußern. Die Asylkrise habe aber deutlich gemacht, daß in Deutschland der Dreiklang aus Staatsgewalt, Staatsvolk und Staatsgebiet nicht mehr bestehe. Statt dem Staat als »politischer Einheit eines Volkes« – so die berühmte Definition von Carl Schmitt –, habe sich heute eine »totale Parteienherrschaft« etabliert, in der die Sonderinteressen über dem Gemeinwohl stehen. Dies, so Clemens weiter, sei auch im Vergleich mit den Zuständen, die noch in der Weimarer Republik geherrscht haben, eine schwere Verfallserscheinung, denn damals habe es noch eine austarierte Gewaltenteilung sowie die Möglichkeit der Direktwahl des Präsidenten gegeben, der ein starkes Gegengewicht zum Parteienstaat bildete. Lobend hob der Referent an dieser Stelle auch die Rolle des zweiten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg hervor – des einzigen deutschen Staatsoberhaupts, das jemals direkt vom Volk gewählt wurde. Dieser habe die Verfassung zwar nicht geliebt, aber geachtet – eine Haltung, mit der er sich positiv von den Vertretern des heutigen Parteiensystems abgehoben habe. Auf der kulturellen und historischen Ebene benannte Clemens das Christentum als den Identitätsgrund der deutschen Kultur, im Mittelalter – bei den Ottonen und den Staufern – sei dies noch mit einem heilsgeschichtlichen Auftrag verbunden gewesen, dem die Kaiser sich verpflichtet sahen. Weiter führte der Referent aus, daß die heutige Unterschätzung der vom Islam ausgehenden Gefahren das Kennzeichen einer allgemeinen »Seinsvergessenheit« sei. Im Anschluß an den Vortrag entspann sich eine interessante Debatte mit dem GfPVorsitzenden Martin Pfeiffer, der eine Fokussierung auf den politischen Islam als Hauptgegner ablehnte, da dessen Ausbreitung in Europa der verantwortungslosen Zuwanderungspolitik der etablierten Parteien geschuldet sei, ohne die es die derzeitigen massiven Probleme mit dieser Religion in dieser Form nicht geben würde.

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Christopher Freiherr von Mengersen mengersen
200 Jahre Wartburgfest, 200 Jahre freiheitliche Werte

Das zweite Referat des Tages, das Christopher von Mengersen hielt, war dem Wartburgfest gewidmet, das im Oktober 1817 anläßlich des 300. Jahrestags des Lutherschen Thesenanschlags stattfand und mit dem die Studenten, die aus den Befreiungskriegen heimgekehrt waren, ein Bekenntnis zu den nationalrevolutionären Idealen ablegen wollten, die zum Sieg über Napoleon geführt hatten. Das wurde schon im Wahlspruch der Veranstaltung deutlich: »Ein Deutschland ist, ein Deutschland soll sein und bleiben.« Der Referent warf auch die Frage auf, welche der damals propagierten Ideen bis heute ihre Aktualität bewahrt haben, und nannte hier an erster Stelle eine kollektiv gedeutete Vorstellung von Freiheit, die sich grundlegend vom heutigen Liberalismus unterscheide und die gegenwärtig beispielsweise noch von der Deutschen Burschenschaft vertreten werde. Auch die schon damals erhobenen Forderungen nach der Abschaffung des Gesinnungsstrafrechts und gegen die geheimdienstliche Unterwanderung der Opposition seien unverändert aktuell. Die damals stark diskutierte Frage nach den möglichen Grenzen eines deutschen Nationalstaats wirke heute nicht mehr aktuell; von Mengersen appellierte allerdings an die Kongreßteilnehmer, die Wurzeln des deutschen Lebens in den früheren Ostprovinzen des Reichs nicht zu verleugnen, da nur so die gesamte kulturelle Identität Deutschlands bewahrt werden könnte. Auch auf die heute stark kritisierte Bücherverbrennung, die nach dem offiziellen Ende des Wartburgfests des Jahres 1817 stattfand, ging von Mengersen ein. Man müsse nämlich genau hinschauen, aus welchen Gründen welche Schriften den Flammen übergeben wurden – so die des Fürsten Lothar von Metternich, weil er als Unterdrücker der politischen Freiheit in Deutschland auftrat, der ›Code Civil‹ als Symbol der französischen Fremdherrschaft und die Akte des Deutschen Bundes, um damit die Ablehnung der deutschen Kleinstaaterei auszudrücken.

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Dr. Mario Kandil
Die deutsche Frage 1949–1989klein_kandil3

Anschließend gab der Historiker Mario Kandil einen Überblick über die deutschlandpolitischen Weichenstellungen, die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten von Konrad Adenauer bis Willy Brandt erfolgten. Gerade weil die deutschen Teilstaaten damals nur Instrumente in den Händen ihrer jeweiligen Führungsmächte waren, äußerte Kandil Verständnis für das schrittweise Vorgehen Adenauers bei dem Kampf um die Wiedergewinnung der verlorenen Hoheitsrechte. Die ersten Konflikte auf diesem Terrain wurden durchaus auch noch auf einer symbolpolitischen Ebene geführt, so beispielsweise durch den forschen Schritt Adenauers zu den drei Hohen Kommissaren der Besatzungsmächte auf den Teppich im Kurhotel auf den Petersberg. Adenauer konnte einige Erfolge erringen, so beispielsweise die Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Seine Politik der Westbindung brachte ihm aber auch scharfe Kritik ein, so vom damaligen SPDParteivorsitzenden Kurt Schuhmacher, der Adenauer als »Kanzler der Alliierten« bezeichnete, weil dieser seiner Auffassung nach zu geringen Widerstand gegen das Ruhrstatut und das damit verbundene Aufsichtsrecht der WestAlliierten über die westdeutsche Schwerindustrie geleistet hatte. Adenauer war letztlich sogar dazu bereit, das Saargebiet abzuschreiben, um im Gegenzug über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) eine westeuropäische Armee zu schaffen, was dann das Ende des Besatzungsstatuts bedeutet hätte. Dieser Plan scheiterte dann doppelt – die Schaffung der EVG wurde in der Französischen Nationalversammlung abgelehnt, und die Saarländer stimmten in einer Volksabstimmung für den Beitritt zur Bundesrepublik. Ob Adenauers Ablehnung der berühmten ›StalinNote‹ aus nationaler Sicht aber wirklich ein Fehler war, ließ der Historiker offen. Ein Jahr vor seinem Tod, also im Frühjahr 1952, hatte der sowjetische Diktator den Westmächten Frankreich, Großbritannien und den USA Verhandlungen über die Vereinigung von DDR und Bundesrepublik angeboten und als Gegenleistung die Neutralität des neuen Staates gefordert. Bei Historikern ist allerdings bis heute umstritten, ob das Angebot ernst gemeint war. Peter Ruggenthaler, der eine Quellenedition der Noten vorlegte, sprach jedenfalls von einem »großen Bluff«. Kandil ging auch auf die Rolle von Willy Brandt ein, der noch in den fünfziger Jahren als ›Kalter Krieger‹ gegolten habe und unter der Parole »Verzicht ist Verrat« die Stimmen der Heimatvertriebenen an die SPD band, um dann später mit den Ostverträgen die Anerkennung der OderNeißeGrenze zu forcieren. Brandt sei aber ein deutschlandpolitisches Chamäleon geblieben und habe noch im Herbst 1989 mit Blick auf eine mögliche Wiedervereinigung mit der DDR das berühmte Wort »Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört« geprägt

 

 

Klaus Hammelklein_hammel2
Was ist traditionswürdig?

Im letzten Vortrag des Tages sprach Oberst a. D. Klaus Hammel über die Bundeswehr als »Armee ohne Tradition«. Der Referent führte aus, daß militärische Traditionspflege eben kein leeres Ritual sei, sondern den Soldaten befähigen soll, seinen Auftrag besser zu verstehen. Hammel hinterfragte auch das gegenwärtige Traditionsverständnis der Bundeswehr. Dieses habe sich von Beginn an nur unter äußerst schweren Bedingungen bilden können, denn schon die Gründung der Bundeswehr im Jahre 1955 sei in strikter Abgrenzung zur Wehrmacht erfolgt. Ab dem Jahr 1960 schien allerdings eine »gewisse Restauration« um sich zu greifen. Spitzenpolitiker der jungen Bundesrepublik, wie KarlGünther von Hase, der Regierungssprecher der Kabinette Konrad Adenauers, Ludwig Erhards und Kurt Georg Kiesingers, oder der frühere FDPVorsitzende Erich Mende traten beispielsweise auch öffentlich mit dem Ritterkreuz auf. Diese zwischenzeitliche Entspannung im Verhältnis zur eigenen Tradition sollte allerdings bloß eine Episode bleiben. Als traditionswürdig gelten hier heute nur noch die preußischen Reformer des Jahres 1806, der Widerstand im Dritten Reich und die eigene Geschichte der Bundeswehr selbst. Auch in der NVA habe es aber einzelne Soldaten gegeben, die sich am 17. Juni 1953 weigerten, auf Demonstranten zu schießen, und die Ostheere der Wehrmacht hätten im letzten halben Jahr des Zweiten Weltkriegs Millionen von Heimatvertriebenen die Flucht ermöglicht. Beides sei uneingeschränkt traditionswürdig, ebenso die Besatzungen der Schiffe, die bis zum 9. Mai 1945 zahlreiche Deutsche aus Ostpreußen und Pommern in Sicherheit brachten. Hammel plädierte für einen präziseren Blick auf das konkrete Verhalten der einzelnen Soldaten in der Wehrmacht und der NVA, statt diese pauschal als ›nicht traditionswürdig‹ abzuklassifizieren, wie das insbesondere seit einem Erlaß des SPDVerteidigungsministers Hans Apel zu Beginn der achtziger Jahre geschehen sei.

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Dr. Albrecht Jebens
Deutschland und Afghanistanklein_jebens1

Der zweite Tag des Kongresses wurde durch ein Referat von Albrecht Jebens eingeleitet, dem ehemaligen Leiter des Studienzentrums Weikersheim, der zu dem Thema »Bleibt die deutschafghanische Freundschaft bestehen?« sprach. Jebens hielt sich mehrere Jahre in dem Land auf und konnte so viele selbsterlebte Eindrücke schildern. Die legendäre NiedermayerHentigExpedition, die das Ziel hatte, Afghanistan im Ersten Weltkrieg auf die Seite der Mittelmächte zu ziehen, und die erst jüngst hinreißend in Steffen Kopetzkys Roman Risiko geschildert wurde, stellte Jebens an den Beginn der deutschafghanischen Freundschaft. Auch wenn die damalige Mission – anders als in Kopetzkys Roman mit seinem kontrafaktischen Ausgang – das Kriegsglück nicht mehr wenden konnte, führte sie doch zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan und brachte den damaligen regierenden Emir Habibullah erst auf die Idee, einen modernen Staat zu gründen. Afghanistan wurde 1919 ein unabhängiger Staat, das Heer und die Landwirtschaft wurden bis in die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg nach deutschem Vorbild modernisiert. Die Entwicklung des Landes wurde dann im Dezember 1979 mit dem Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan unterbrochen; seitdem befindet sich das Land in einem dauerhaften Kriegszustand. Hier wiederholt sich allerdings ständig das Muster, daß es der Invasionsmacht zwar gelingt, die großen Städte zu erobern, während das Land in seiner Breite weiter von Aufständischen gehalten wird. Den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan bezeichnete Jebens als »tragisch«, es sei aber dennoch anzuerkennen, daß die deutschen Soldaten beim zivilen Aufbau im Norden des Landes Großartiges geleistet hätten. Im Vergleich mit dem Expeditionskorps des Jahres 1915 müsse aber auch festgestellt werden, daß es sich bei den heute in Afghanistan operierenden deutschen Soldaten eher um Zivilisten ›im OutDoorDress‹ handle

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Alfred Zips zips3
Laudatio auf den Hutten-Preisträger James Bacque

Der Höhepunkt des zweiten Tages war wie gewohnt die Verleihung der ›Ulrich von HuttenMedaille‹, die diesmal an den kanadischen Historiker James Bacque verliehen wurde. Der ehemalige Oberstleutnant der Bundeswehr Alfred E. Zips würdigte Bacque in seiner Laudatio als einen Wissenschaftler, dem ein »Durchbruch des etablierten Geschichtsbilds« gelungen sei. Nachdem er sich in ersten Arbeiten mit dem Föderalismus der FrankoKanadier beschäftigt hatte, brachten ihn Archivfunde in den Vereinigten Staaten auf das Thema der von WestAlliierten an deutschen Kriegsgefangenen verübten Verbrechen, die er 1989 in seinem in kanadischer Erstausgabe erschienenen Buch Other Losses untersuchte, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel Der geplante Tod herauskam. Großes Aufsehen erregte auch sein Buch Verschwiegene Schuld: Die alliierte Besatzungspolitik in Deutschland nach 1945, in dem er die systematische Hungerblockade gegen Deutschland in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erforschte, die eine hohe sechsstellige Opferzahl forderte

 

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hutten2017
James Bacque
Die verdrängte Wahrheit

Zu diesem Thema nahm Bacque als einer der ersten Historiker umfangreiche Untersuchungen in den Archiven der Roten Armee und des sowjetischen Geheimdiensts NKWD vor. Zips betonte, Bacque sei vom »Saulus zum Paulus« der Zeitgeschichtsschreibung geworden, weil ihn die Erkenntnisse der eigenen Forschungen »wie einen Keulenschlag« getroffen hätten. Der Laudator verwies mit Blick auf den Wert der Arbeiten des Preisträgers auch auf ein Urteil des Northeimer Historikers Karlheinz Weißmann, das dieser im Jahr 2005 in einem Artikel für die Wochenzeitung Junge Freiheit gefällt hatte. Mit Blick auf die geringe Resonanz gegenüber den Thesen des Kanadiers hieß es dort: »Allerdings spielte dabei eine entscheidende Rolle, daß man die Thesen von Bacque für politisch fatal hielt. Deshalb wurde auf die von ihm gesammelten Indizien für einen ausgeprägten Bestrafungs oder Vernichtungswillen Eisenhowers und anderer Militärs und Politiker der Alliierten kaum Bezug genommen.« Der Preisträger, der aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich anwesend sein konnte, bedankte sich mit einem langen persönlichen Brief, in dem er – ausgehend von einem Zitat des französischen Humanisten Michel de Montaigne – über die »doppelt in uns selbst« angelegte Natur des Menschen philosophierte. Er spreche, so Bacque, zu den Gästen der Tagung im Namen der Toten zweier Kriege. Den gegenwärtigen Zustand der Zeitgeschichtsschreibung charakterisierte er folgendermaßen: »Das, was bekannt ist, ist weitgehend unwahr, das, was wahr ist, ist weitgehend unbekannt.« Als junger Mann habe er einen großen Glauben an das britische Empire gehabt, um dann einen Erkenntnisprozess zu durchlaufen. Dwight D. Eisenhower, den Bacque als »Massenmörder und Kriegsverbrecher« bezeichnete, habe sich aber auch erst der Macht bedient, um sie später zu kritisieren, und selbst ein Winston Churchill habe die Macht erst angestrebt, um sich später über sie lustig zu machen. Die Veranstaltung klang mit dem gemeinsamen Singen des Deutschlandliedes in allen drei Strophen aus.  

ARNE SCHIMMER

Gesellschaft für freie Publizistik e.V. *  GfP - Sekretariat * Klosterhof 4 * 37194 Wahlsburg